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Blumenwiesen, Insektenhotels und Artenschwund

Die Insekten werden weniger. So platt kann man den Begriff „Insektensterben“ erläutern. Doch so einfach kann es natürlich nicht bleiben. Mit dem Insektensterben verhält es sich nämlich, wie mit dem Klimawandel und der Corona-Krise: Es wird um Zahlen und Ursachen gestritten. Es werden wissenschaftliche Studien eingefordert, die dann angezweifelt werden, wenn sie nicht gefallen. Beim Insektensterben ist es die Frage, ob seit 30 Jahren die Insekten-Biomasse um 75% geschrumpft ist oder um weniger, und ob nun die Landwirtschaft, der Klimawandel oder doch vielleicht die Autofahrenden schuld daran sind. Dass es vielleicht all diese gemeinsam zu verantworten haben könnten (und andere) und dass es vielleicht egal ist, ob es nun 75% oder nur 35% sind, das höre ich selten. Tatsache ist, dass die Insekten weniger werden. Und es ist schön zu sehen, dass es Menschen gibt, die einfach was dagegen unternehmen.

Die Wiese hinter Gartenzwerg-hohem Zäunchen
Klargestellt :-)

Mülheim a.d. Ruhr, ein paar hundert Meter vom Oberhausener Stadtzentrum entfernt: Ich wandere durch die Schrebergartensiedlung an der Römerstraße und entdecke eine eingezäunte Blumenwiese am zentralen Siedlungs-Platz. Ein Schild weist darauf hin, dass es sich bewusst um eine Blumenwiese handelt und nicht etwa um ein verkommenes Gartengrundstück: „Hier blüht es für Bienen, Hummeln & Co!“

Cool, denke ich und erinnere mich an einen Nachbarn meiner zweiten eigenen Wohnung. Gemeinsam nutzten wir den Garten hinterm Haus, und er erbat sich eine Ecke, die er dann mit Wildblumen einsäte. Bald darauf zierten dieses Stückchen Land zahllose, wunderschön blühende Blumen. Wild sah es aus, wie Natur eben ist und zum Schrecken des Vermieters, doch war dies die schönste Ecke im Garten. Das war in den 1990er Jahren. Von Insektensterben sprachen damals bestenfalls ein paar Experten. Jener Nachbar hatte einfach nur Freude an der Natur.

An der Römerstraße fand ich in unmittelbarer Nähe zur Blumenwiese noch weitere Besonderheiten: Zwei große Insektenhotels und zahlreiche kleine, sowie eine Totholzhecke. All dies soll Insekten und anderen Kleintieren als Unterschlupf und Lebensraum dienen. Ich freute mich über solch großes Engagement und machte zahlreiche Fotos. Dies beobachtete ein Schrebergärtler. Ich hatte keine Lust, mich von ihm fragen zu lassen, was ich denn da mache, also trat ich die Flucht nach vorn an: Ich sprach ihn auf die Insektenhotels an, und er erzählte mir, dass es im Schrebergarten Bienenvölker gebe, und der zugehörige Imker habe die Gestaltung all dieser Insektenhotels, der Totholzhecke und natürlich auch der Blumenwiese in die Wege geleitet.

Ich war enttäuscht. Ich freute mich über das Gespräch mit dem netten Mann, der mir sogar seinen eigenen Schrebergarten zeigte und mir viele Fragen zu Oberhausens Geschichte beantwortete – und doch war ich enttäuscht. Über jenen Imker nämlich. Wieder einmal wurde mir klar, dass kaum jemand etwas Gutes tut, ohne selbst einen Nutzen davon zu haben. Klar, dass ein Imker eine Blumenwiese anlegt. Er will ja auch Honig verkaufen, dann brauchen seine Bienen auch Blumen. So dachte ich, und das war gar nicht nett von mir.

Erst später wurde mir bewusst, dass man die Sache auch völlig andersherum sehen kann. Bernd Ulrich soll in seinem Buch „Die Wahrheit auf sechs Beinen“ geschrieben haben (zitiert nach Wikipedia): „Negative Entwicklungen [...] ohne spektakuläre, fernsehtaugliche Katastrophen als Nachrichtenaufhänger, haben es besonders schwer, [...] wahrgenommen zu werden.“ Das Bienen- und Insektensterben ist eine dieser negativen Entwicklungen, und es gibt nur wenige Menschen, die davon überhaupt Notiz nehmen. Imker gehören dazu. Imker werden wohl die ersten gewesen sein, die das Insektensterben überhaupt erkannt haben. Sie sind naturgemäß die ersten, denen dieses Problem überhaupt bewusst werden kann. Wer also bin ich, über einen Imker zu meckern, der im Rahmen seiner Möglichkeiten einfach etwas dagegen unternimmt? Anders als ich!

Dass die Insekten weniger werden, habe ich auf langen Spaziergängen selbst bemerkt. Neulich bin ich den Tag über durch Wald-, Wiesen- und Feldlandschaften gewandert, und am Abend konnte ich mich an genau ein Insekt erinnern, das ich gesehen hatte. Es war eine Fliege auf einer Blüte, die ich fotografieren wollte. Und selbst auf der Imker-verursachten Schrebergarten-Blumenwiese sah ich kein einziges Insekt (okay, es war nicht der schönste Tag; aber kein einziges?! Ende Mai? In der Mittagszeit!). Dabei gehöre ich zu den Nutznießern des Insektenschwunds: Ich werde nämlich ganz und gar nicht gerne von diesen summenden, schwirrenden Tieren belästigt. Nun, die Belästigung scheint mir vorbei zu sein. Und darüber sollte ich beunruhigt sein.

Somit habe ich mich also über Jeden zu freuen, der eine Blumenwiese am Innenstadt-Rand anlegt. Und sei er auch ein Imker ;-)

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Übrigens: Das ganz oben dargestellte Hinweisschild „Hier blüht es für Bienen, Hummeln & Co!“ stammt vom Netzwerk blühende Landschaft, das wiederum eine Initiative von Mellifera e.V. ist. Dieser Verein setzt sich insbesondere für die „wesensgemäße Bienenhaltung“ ein. Dies ist ein sperriger Begriff, der auf der Website aber anschaulich erläutert wird: eine Bienenhaltung, die auf Rudolf Steiner zurückgeht und „die den natürlichen Bedürfnissen des Bienenvolks entgegenkommt“.

 

Die Lobby der Insekten
am 24.07.2018 bei RP-Online
https://rp-online.de/nrw/staedte/krefeld/studie-des-entomologischen-vereins-krefeld-ueber-insekten-sorgt-weltweit-fuer-aufsehen_aid-24053399
Insektensterben - die Autofahrer sind schuld
am 09.03.2019 im Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt
https://www.wochenblatt-dlv.de/politik/insektensterben-autofahrer-schuld-552284
Insekensterben bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Insektensterben
Netzwerk blühende Landschaft https://bluehende-landschaft.de/
Mellifera e.V. https://www.mellifera.de
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