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Kurzgeschichten

 
 

„Patsch!“, rief Edmund, als wieder ein fettes Insekt auf der Windschutzscheibe zerplatzte. Der Scheibenwischer schmierte einen besonders unschönen Streifen über das Glas, und aus den Wischwasserdüsen sprudelten nur noch kleine Bläschen. Edmund fluchte. Nach nunmehr dreihundertfünfzig Autobahnkilometern wurde ihm die ganze Sache jetzt eigentlich zu undurchsichtig, doch er war spät dran. Die vom Navi prophezeite Ankunftszeit ließ keinen großen Spielraum mehr. Dieser Druck saß ihm im Nacken und pflanzte sich fort bis zum Gaspedal. „Fahr lieber etwas langsamer, dann kommst du schneller an“, war eigentlich sein Wahlspruch, doch heute musste er ihn verdrängen so gut er konnte.

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Karl erschien mir immer als blau. Wir kannten uns schon seit unserer gemeinsamen Kindergartenzeit und waren dicke Freunde, auch später auf der Grundschule und dem Gymnasium. Wir trafen uns fast jeden Nachmittag, und während all dieser Zeit kam er mir irgendwie blau vor. Ich meine damit nicht seinen Alkoholspiegel, obwohl dieser zuletzt immer öfter auch diese Art von Blau-Sein verursachte. Nein, ich meine wirklich die Farbe Blau. Natürlich war er nicht wirklich blau. Nicht, dass man hätte sehen können, wie er blau gefärbt gewesen wäre, an Händen oder Füßen oder gar im Gesicht. Vielmehr war es mein Bild von ihm, das ihn in dieser Farbe zeigte. Für mich hatte er immer etwas Blaues, in etwa so, wie die Zahl Zwei für mich weiblich und meine EC-Karten-PIN eine bestimmte Melodie ist.

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Die Erinnerung ist schon sehr verblasst. Die Bilder aber stehen deutlich vor meinem inneren Auge, als hätte ich das alles gestern erst erlebt – wie vergilbte Fotos aus der Zeit, schwarz-weiß, oder besser grau in grau. Grau wie der Asphalt der breiten Straße, in der wir kämpften, grau, wie unsere Mäntel, wie die Fassaden der zerschossenen Häuser, wie die Sandsäcke, hinter denen sich die Franzosen verschanzt hatten.

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Gelbliches Licht fiel durch die beschlagene Glasscheibe ins Innere und blendete ihn. Entsetzlich lange war es dunkel gewesen, und zwar richtig dunkel, stockduster. All die vielen Stunden war er allein gewesen in dieser stickigen Hölle, in der die schwüle Luft nach Schimmel und Waschmittel roch, völlig allein mit sich und seiner Angst und seiner Einsamkeit. Ein paar Mäuse oder Ratten hatte er rascheln hören, ansonsten nur den trostlosen Klang der Totenstille. Bis jetzt. Denn endlich hörte er die geschäftigen Geräusche von draußen, die er so herbeigesehnt hatte. Das Schlurfen der Schuhe über den Kellerboden, das Quietschen der Holzlatten-Tür, ein Räuspern und das leise Knirschen beim Absetzen des Korbes auf dem rauen Estrich. Seine Angst wich neuer Hoffnung. Er wollte rufen und schreien, klopfen und stampfen, doch er konnte nicht anders, als weiterhin schlaff auf dem gelochten Stahlblech zu liegen und abzuwarten, was nun geschehen würde.

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Anna hat endlich einen Freund. Er ist ihr erster fester Freund überhaupt, und er ist sehr aufmerksam. Fühlt sie ein neues Bedürfnis aufkommen und grübelt darüber nach, wie sie es ihm mitteilen will, so kommt er ihr meist zuvor und stillt es, ehe sie auch nur den Mund öffnen kann. Schaut sie ihm tief in die Augen, so meint sie bisweilen zu erkennen, wie er seinerseits in ihren forscht, ob es dort nicht einen Wunsch zu lesen gibt. Und wenn sie sich nicht vorsieht und einen von ihnen nicht tief genug in sich vergräbt, so findet sie ihn nicht selten anderntags erfüllt. Diese und nicht wenig andere seiner Eigenschaften sind unleugbar dazu geeignet, eine Frau in den siebten Himmel zu bugsieren, doch Anna achtet peinlich darauf, dass ihr gerade dies nicht widerfährt.
Sie ist vielleicht verliebt, doch ganz sicher nicht verklärt.

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Hohlweg

Da vorne kommt wieder einer um die Wegbiegung. Nein, zwei sogar – Mist, dann wird es schwieriger.
Einer allein hat meist schlechte Karten. Auf einem Wanderweg wie diesem kann er kaum zur Seite entkommen. Wie auf dem Präsentierteller ist er mir ausgeliefert, ohne jeden Schutz, ohne Deckung. Da erfordert es schon eine gewisse Dreistigkeit, um mir zu noch entwischen.
Zwei zusammen haben da schon deutlich bessere Chancen. Sie können vorgeben, miteinander beschäftigt zu sein. Zum Beispiel können sie ein Gespräch führen, eine ernste Unterhaltung oder eine grobe Auseinandersetzung – dann ist es schon distanzlos von mir, auf sie ein zu drängen. Vielleicht gehen sie sogar Hand in Hand oder gar Arm in Arm – wer will sich da schon zwischen quetschen?
Bei einer größeren Gruppe wird es dann wieder etwas einfacher für mich, denn nicht jedes Mitglied ist fest in so eine Gruppe integriert und wird hinlänglich beachtet. Außenseiter gibt es immer wieder, und die gilt es heraus zu fischen.

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süße Kinderchen
Bildquelle:
Goethezeitportal

Eigentlich mag ich keine Kinder. Ich mochte noch nie Kinder! Sie sind laut und frech und zappelig – immer in Bewegung.
Meine Mutter hat schon immer gesagt: „Schaff dir nach Möglichkeit keine Kinder an! Die haben nichts auf den Rippen und da kriegst du auch nichts dran. Halte dich an Erwachsene. Die sind oft schon von Natur aus fett. Außerdem ergeben die sich schneller in ihr Schicksal.“

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