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altes Coon   05.04.2013
 

Saving Daylight

Über Zeitumstellung und Sommerzeit

(oder eben gerade nicht)

Benjamin Franklin

Benjamin war ein Langschläfer. Das war ihm bewusst und er gab es bereitwillig zu. In der Regel ging er erst viele Stunden nach Mitternacht zu Bett und schlief bis weit nach Mittag. Doch wusste er auch, dass er mit dieser Angewohnheit nicht allein war. Ganz Paris machte es wie er. Das Leben in dieser Stadt der Salons und Etablissements fand nachts einfach kein Ende, und niemand ging früher nach Hause als unbedingt nötig.

Eines morgens – es war im Frühjahr 1784 – wurde er unsanft geweckt. Ein schepperndes Geräusch aus den Tiefen seines Hauses drang bis in sein Schlafzimmer und riss ihn aus seinen Träumen. Doch war er kaum in der Lage, seine Augen zu öffnen, denn der Raum war hell erleuchtet. Schlaftrunken blinzelte er auf seine Uhr: es war gerade einmal sechs Uhr. Das Scheppern im Haus war schnell vergessen, viel mehr quälte ihn jetzt die Frage: Warum war es nur so hell? Hatte etwa jemand eine dieser neuartigen Quinquet-Öllampen hereingebracht, die unglaublich hell leuchteten? Gerade gestern noch war ihm – in seiner Eigenschaft als Diplomat – diese neue technische Errungenschaft vorgestellt worden. Als Ökonom war er nicht ganz überzeugt gewesen von diesen Lampen, da sie nicht gerade sparsam mit dem teuren Brennstoff umgingen.

Benjamins Geist war noch nicht ganz erwacht. Erst vor zwei Stunden hatte er sich zum Schlafen zurückgezogen. So brauchte er jetzt recht lang um zu begreifen, dass keine solche Lampe das Licht erzeugte, sondern dass dieses in Wahrheit von draußen durch das Fenster in sein Gemach gelangte. Offensichtlich hatte sein Dienstmädchen am Abend zuvor versäumt, die Fensterläden zu schließen. Doch blieb noch die Frage, welcher Umstand die Umgebung seines Hauses in diesem Maße erleuchtete!

Neugierig wälzte er sich aus dem Bett und schlurfte zum Fenster. Was er dann draußen sah, erstaunte ihn über alle Maßen: Es war die Sonne, die sein Zimmer derart verschwenderisch erhellte. Wieder schaute er auf die Uhr, die für gewöhnlich sehr genau ging: kurz nach Sechs. Warum um alles in der Welt stand um diese Zeit die Sonne am Himmel und leuchtete? Er konnte sich wahrlich nicht erinnern, sie jemals vor dem Mittag gesehen zu haben.

Benjamin suchte Rat bei seinem Almanach. Diese Jahrbücher waren groß in Mode im Paris dieser Tage. Als Druckereibesitzer hatte er selbst viel Geld mit ihnen verdient. Doch wer schaute je in den astronomischen Teil dieser Werke? Benjamin jedenfalls verirrte sich jetzt zum ersten Mal auf diese Seiten. Und tatsächlich, dort stand es schwarz auf weiß: Am heutigen Tag sollte die Sonne gegen sechs Uhr aufgehen. Bis Ende Juni würde sich dieses Ereignis Tag für Tag sogar immer früher ereignen und überhaupt niemals im Jahr später als acht Uhr.

„Nein, Sie irren Sich“, entgegnete man ihm, als er in den folgenden Tagen in der Pariser Gesellschaft von seiner Entdeckung berichtete. Niemand wollte glauben, dass so früh am Tag die Sonne aufgehen konnte. Und diejenigen, die es doch glauben konnten, bestritten entschieden, dass sie dann schon leuchtete. Ein befreundeter Wissenschaftler, ein gelernter Philosoph, behauptete sogar, die geöffneten Fensterläden hätten nicht das Licht herein, sondern lediglich die Dunkelheit heraus gelassen.

Doch Benjamin war sich seiner Sache inzwischen sicher. Morgen für Morgen machte er dieselbe Beobachtung, und der Ökonom in ihm nahm all seine mathematischen Fähigkeiten zusammen und begann zu rechnen: In den Sommermonaten erwachte die Sonne gute sieben Stunden vor den Menschen – den ihm bekannten Menschen, besonders denen in Paris. Das in Fülle über die Stadt strömende Licht wurde sieben Stunden lang nicht genutzt! Stattdessen verbrannte man entsprechende sieben Stunden am Abend teure Kerzen. Bei geschätzten 100.000 Haushalten in Paris und 184 Tagen zwischen März und September ergab sich folgende Rechnung:

7 x 184 x 100.000 = 128.100.000 künstlich und teuer erleuchtete Stunden.

Wie teuer? Bei einem halben Pfund Wachs pro Stunde und 30 Sol pro Pfund Wachs ergaben sich Gesamtkosten von 96.075.000 Livre. 96.075.000 Livre pro Sommer!

Fast 100 Millionen Livre wurden also in jedem Sommer verschwendet, weil den Menschen einfach nicht bekannt war, dass die Sonne zeitweise schon vor fünf Uhr leuchtete. Oder war es ihnen bekannt? Nein, das konnte ja nicht sein! Wohl mochte es möglich sein, dass einige Vorfahren vom frühen Aufgehen der Sonne wussten – schließlich hatten auch sie schon ihre Almanache. Doch dass sie dann auch schon Licht aussandte – dieses Wissen war zumindest dem modernen Menschen, besonders aber den Parisern, verlorengegangen. Wie sonst war es möglich, dass ein so gelehrtes und einsichtiges Volk, eine ansonsten so ökonomisch denkende Gesellschaft Sommer für Sommer diese gewaltige Summe völlig überflüssigerweise verschwendete?

Ihm selbst war nun die Ehre zuteil geworden, dieses Wissen wieder zu erlangen. Eine Entdeckung ungeheuren Ausmaßes hatte er gemacht. Und auch, wenn ihm bisher niemand glauben mochte, so hatte er doch nicht vor, all das für sich zu behalten. Entschlossen setzte er sich an seinen Schreibtisch und verfasste einen umfassenden Maßnahmenkatalog, der zum Ziel hatte, das neu entdeckte Sonnenlicht zukünftig sinnvoll auszunutzen. Schließlich war er Botschafter der Vereinigten Staaten in der französischen Hauptstadt. Er hatte den Pariser Frieden ausgehandelt und Amerika in die Unabhängigkeit geführt. In der französischen Bevölkerung war er sehr bekannt und galt als äußerst beliebt. Es wäre doch gelacht, dachte er, wenn ein Staatsmann mit seinen Reputationen die folgenden Regelungen nicht durchsetzen könnte:

  • Jedes Fenster in Paris, das mit Fensterläden ausgestattet war, sollte mit Steuern in Höhe von einem Louis belegt werden.
  • Jeder Haushalt sollte eine Ration von nicht mehr als einem Pfund Wachs pro Woche erhalten.
  • Fahrverbot für Kutschen aller Art nach Sonnenuntergang. Ausnahmen: Ärzte und Hebammen.
  • Bei Sonnenaufgang sollten alle Kirchenglocken der Stadt läuten. Bei weiterem Bedarf sollten in allen Straßen Kanonen abgefeuert werden, um auch die letzten Faulenzer zu wecken – in ihrem eigenen Interesse!

Benjamin war sehr zufrieden mit diesen Proklamationen. Er war voller Zuversicht, dass sie in den folgenden Jahren einen wertvollen Beitrag zur Ökonomie seines Gastgeberlandes würden leisten können.

Die abwegige Idee aber, im Sommer alle Pariser Uhren vorzustellen – und sei es nur um eine Stunde –, kam ihm nicht. Zumindest schrieb er sie nicht nieder. Gut zweihundert Jahre später aber sollte ihm gerade dies immer wieder unterstellt werden (nicht nur in Das Vermächtnis der Tempelritter). Oft würde ihm noch vorgeworfen werden, der Urheber dieser Idee zu sein, obwohl es dafür niemals stichhaltige Hinweise geben würde. Letztlich war es sogar gänzlich auszuschließen, dass er eine solche Maßnahme überhaupt befürwortet hätte, denn er gehörte zu den intelligentesten Gelehrten seiner Zeit, er hatte einen guten Ruf zu verlieren und sich zeitlebens immer für das Wohl der Bevölkerung eingesetzt.

Halbjährlich die Uhren vor- und dann wieder zurückstellen – diese Idee war einfach zu absurd!

 

frei nach: Benjamin Franklin's Essay on Daylight Saving
Letter to the Editor of the Journal of Paris
1784
Quelle: Internetseite zu Zeitumstellung und Sommerzeit
http://www.webexhibits.org/daylightsaving/franklin3.html
Dortige Quelle:
The Ingenious Dr. Franklin. Selected Scientific Letters.
Edited by Nathan G. Goodman. University of Pennsylvania Press. 1931. Pages 17-22.
Bildquelle: Portrait of Benjamin Franklin
circa 1785
Joseph-Siffrein Duplessis (1725–1802)
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:BenFranklinDuplessis.jpg
  Auch bei Wikipedia wird Benjamin Franklin die Idee der Zeitumstellung oder Sommerzeit unterstellt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Sommerzeit#Geschichte

Edit 29.08.2013:
Der entsprechende Absatz bei Wikipedia wurde inzwischen gelöscht.
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