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altes Coon   27.10.2012
 

Komische Vögel

Vogel

Auf einer früh-morgendlichen Foto-Tour an meinem Urlaubsort sah ich einen auffälligen Menschen. Schon von weitem sah ich ihn am Waldrand stehen. Ständig hielt er etwas mit den Händen vors Gesicht, ich konnte nicht erkennen, was es war. Machte er Fotos, wie ich? Aber was wollte er knipsen in der Richtung, in die er immer blickte? Gebannt starrte er stets in den eintönig grau-blauen Nord-Himmel, wo ich beim besten Willen nichts Interessantes entdecken konnte. Was für ein komischer Vogel, dachte ich.

Als ich näher kam, erkannte ich, dass er ein Fernglas in der Hand hielt, keine Kamera. Neben ihm lag eine rote Isomatte im Gras, hinter sich auf einer Sitzbank am Waldwegesrand hatte er Proviant ausgebreitet – offensichtlich wollte er noch länger bleiben. Vor den Augen trug er eine dunkle Brille, die wie eine Schwimmbrille aussah. Als ich vorbei ging, grüßten wir uns freundlich, doch ich konnte einfach nicht weitergehen, ohne ihn zu fragen, mit was er sich denn hier wohl beschäftigte.

Hilger

Ein Vogelbeobachter war er. Als Biologe hatte er die Aufgabe übernommen, die Zugvögel, die an dieser Stelle über den Berg flogen, zu bestimmen und zu zählen. Grund war der geplante Bau einer Windkraftanlage in dieser Gegend. Da solche Windräder durch die schnelle Drehbewegung der Rotorblätter in großer Höhe so manchen Vogel vom Himmel holen, wollte man diese Gefahr insbesondere für die Zugvögel in der Planungsphase näher bestimmen.

Der junge Mann mit dem Fernglas beantwortete mir meine Fragen bereitwillig, unterbrach aber seine Erläuterungen immer wieder, um gen Himmel zu schauen (wo ich rein gar nichts sah) und irgend etwas auf einem Klemmbrett zu notieren. Er war offensichtlich sehr konzentriert, und so wünschte ich ihm noch viel Erfolg und ließ ihn seine Arbeit machen.

Nach einer guten Stunde kam ich wieder dort vorbei. Vogel Die intensive Zugvogel-über-diesen-Berg-fliege-Zeit war vorüber, und so hatte Hilger, wie sein Name war, etwas Muße, sich mit mir über mein Foto-Hobby und seine Arbeit zu unterhalten. Er zeigte mir die Vogelgruppen, die immer wieder über unsere Köpfe flogen, und sprach dabei exotische Worte aus, die ich einfach mal als Vogelnamen deutete und nickend zur Kenntnis nahm.

Doch langsam bekam auch ich einen Blick für das Leben, das sich dort am Himmel abspielte. Ich lernte, die kleinen Gruppen schon beim Heranfliegen zu entdecken, durch ihre Laute aufmerksam zu werden, die Tiere zu zählen und ihre unterschiedlichen Flug-Silhouetten wahrzunehmen. Klar: außer dem Buchfinken kannte ich keine der Arten, die Hilger nach kurzem Blick wie selbstverständlich nannte. Doch immerhin bekam ich in nur fünfzehn Minuten einen Eindruck von ihrer Unterschiedlichkeit und realisierte, dass sie tatsächlich alle Richtung Süden flogen.

Hilger

Es hat mich schwer beeindruckt zu erkennen, dass so vieles um mich herum geschieht, ohne dass ich es auch nur im Ansatz bemerke. Da laufe ich stundenlang durch die Natur und mir fällt nicht auf, dass über mir ein Verkehrsweg existiert, auf dem so viel Verkehr herrscht, wie auf der nahen A48. Unser menschliches Hirn sortiert vor und filtert, was unser Bewusstsein erreichen darf. Das ist gut so, denn es bewahrt uns so vor den Unmengen an Sinneseindrücken, die nicht unbedingt wichtig sind (Zugvögel zum Beispiel). Doch leider hindert es uns damit auch offensichtlich, neue interessante Dinge zu entdecken (Zugvögel zum Beispiel).
Dafür braucht man dann jemanden wie Hilger, der sich in ganz anderen Sphären auskennt und von dem man lernen kann, was es noch so gibt auf der Welt.

Ach ja, noch etwas lernte ich an diesem Vormittag: Auch Fotoamateure wie ich fallen auf. Z.B. lungern sie stundenlang auf einer taufrischen Wiese rum, in gebückter Haltung oder auf dem Boden kauernd, gehen hin und wieder her, die Augen fest auf den Boden geheftet. Und all das nur, um eine Schnecke zu knipsen, die einfach nicht das tut, was man von ihr will – und das auch noch sehr langsam. Hilger jedenfalls waren meine merkwürdig anmutenden Tätigkeiten bereits von seinem weit entfernten Beobachtungspunkt aus aufgefallen, lange bevor ich seine bemerkte.
Was für ein komischer Vogel, muss er wohl gedacht haben ...

Hilger Flugzeug
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