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altes Coon   03.12.2012
 

Der Tod gehört ins Leben

Sterbewoche in der ARD

Die vorvergangene Woche war Sterbewoche in der ARD. "ARD-Themenwoche: Leben mit dem Tod", so lautete der offizielle Titel. Zahlreiche Fernsehsendungen, Magazine, Dokus, Talkrunden und Spielfilme beschäftigten sich mit einem ungeliebten Thema. Selbst die Sendung mit der Maus war in dieser Woche eine "Sterbemaus".

Was kommt danach? Ist mit dem Tod alles vorbei? Was geschieht im Gehirn beim Sterben? Mit diesen Fragen beschäftigte sich beispielsweise das Wissenschaftsmagazin "W wie Wissen", eher nüchtern und nach Vermögen sachlich. Emotionaler ging es da schon in der Talkrunde "Letzte Ausfahrt Paradies" um Anne Will zu. Welten prallten aufeinander (Gläubige und Atheisten), und gewohnt fruchtlos schnitten sich die Kontrahenten gegenseitig das Wort ab. Die Doku über Sterbehilfe "Sie bringen den Tod" ging ans Herz, ebenso wie der Fernsehfilm "Und dennoch lieben wir", der jedoch mehr ein Beziehungsdrama war als ein Film über das Sterben.

Der Tod bleibt unscharf Der Tod bleibt unscharf - lieber schaut man auf die Lebenden ...

Die Bandbreite des Programmangebotes war groß. Sicher war für jeden Geschmack etwas dabei. Nur Mely Kiyak, eine Kolumnistin der Frankfurter Rundschau, hatte was zu meckern. Ihr ging das alles nicht weit genug. Niemanden habe man wirklich sterben sehen – nein, nicht so wie im Spielfilm, sondern in echt. Enttäuscht spricht sie von einem "Bilderverbot des Todes."

Frau Kiyak hat Recht. Der Tod wird nicht nur verdrängt, er wird tabuisiert. Er wird geradezu verbannt aus dem Leben mit der Macht der Verzweiflung. Jedenfalls solange, wie er sich vermeiden lässt. Statt findet er dann fast immer in Sterbeghettos.

Man stirbt nicht mehr Zuhause, nicht im eigenen Bett, in der vertrauten Wohnung, im Kreise vertrauter Menschen, die einem die Hand halten bis zum Schluss. Gut, das mag es geben, aber meines Wissens ist das eine Ausnahme in unserer modernen Gesellschaft. Gestorben wird allgemein in den von Mely Kiyak angesprochenen Sterbehäusern. Dass man diese Orte auch Krankenhäuser nennt, ist ein Euphemismus.

Hat der Tod dann schließlich doch über die moderne Medizin gesiegt, geht es in der Friedhofskapelle weiter. Dies ist ein mystischer Ort, der nur dafür geschaffen wurde, den Tod aus dem Leben fernzuhalten. Völlig subjektiv habe ich das Gefühl, dass dieses Gebäude den Alltag der unbeteiligten Lebensgemeinschaft vor einer Belästigung durch eine Trauergesellschaft schützen soll. So muss diese auf harten Stühlen in einem kalten Gebäude frierend von einem lieben Menschen Abschied nehmen, in einem schummerigen Raum, den niemand freiwillig sonst in seinem Leben aufsuchen würde, wenn er nicht gerade Bestattungsunternehmer ist.

Quatsch! Die Existenzberechtigung einer Friedhofskapelle liegt schlicht und einfach in der örtlichen Nähe zum Friedhof, wird mancher vielleicht einwenden. Ja, richtig, und genau das ist der Punkt. Warum muss denn die Trauerfeier in der Nähe des Grabes stattfinden? Warum nicht in der Wohnung oder im Garten des Verstorbenen? Warum nicht auf seiner Lieblings-Blumenwiese oder in seinem Lieblings-Café? Warum nicht wenigstens in einer "normalen" Kirche? Dort werden Taufen und Hochzeiten als bedeutende Lebens-Eckdaten zelebriert, nur der Tod muss leider draußen bleiben.

Bei uns finden wohl hupende Hochzeits-Korsos statt, einen Trauerumzug habe ich in Deutschland dagegen noch nicht erlebt. An anderen Orten der Erde sieht das anders aus – James-Bond-Fans kennen das aus "Leben und sterben lassen". Auch das Aufbahren in der eigenen Wohnung ist out (darf ein toter Mensch überhaupt aus dem Krankenhaus in die eigene Wohnung überführt werden?). Manchen wird die Vorstellung vielleicht sogar mit Ekel erfüllen.

Das Schlimme ist: ich gehöre zu genau diesen Menschen. Noch nie habe ich eine Leiche gesehen (doch, meine Oma, aus zehn Meter Entfernung im beängstigenden Schummerlicht) oder gar berührt. Und ja, ich habe große "Berührungs"-Ängste. Der Tod war bisher kein Teil meines Lebens und ich habe einfach keine Übung im Umgang mit ihm. Meinem Umfeld ist es gelungen, seine Präsenz all die Jahre von mir fern zu halten. An dieser meiner gestörten Beziehung zum Tod konnte leider auch die ARD-Sterbewoche nichts mehr ändern.

Eindrücklich fand ich allerdings die besagte Sterbemaus, in der Armin Maiwald seinen fiktiven Zwillingsbruder Eckhard unter die Erde bringen musste – ein gelungener Versuch, Kinder mit einem sonst verschwiegenen Thema zu konfrontieren. Ich hätte mir gewünscht, schon als Kind die Allgegenwart des Todes zu "erlernen". Dann würde mir heute auch der Umgang mit dem eigenen Tod sicher leichter fallen.

Der Tod gehört zum Leben, heißt es. Doch das reicht mir nicht. Er gehört nicht nur zum, sondern auch ins Leben – raus aus dem Ghetto!



Mely Kiyak in der Frankfurter Rundschau: Liebes Sterben im TV! http://contentviewer.adobe.com/s/Frankfurter%20Rundschau/5c185b762be1487fb03ed64467d97288/de.fronline.frkiosk.fr20121124tier1/15662.html
Interview mit Armin Maiwald von der Sendung mit der Maus http://www.tz-online.de/aktuelles/fernsehen/sendung-mit-der-maus-kinder-tod-erklaerung-tz-2621146.html
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bisherige Kommentare:
am 25.06.2014
um 13:38 Uhr
Gutes Wort. Ich teile diese Einschätzung.
 
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