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altes Coon   01.05.2012
 
Sozialutopie

Die Partei der Stillen

Im Sauerland am Maifeiertag

Die Partei der Stillen

Erster Mai Zweitausendzwölf. Es ist Dienstag. Maifeiertag, auch Kampftag der Arbeiterbewegung genannt. In Dortmund findet die zentrale Kundgebung des DGB statt. Ein junger Rapper rappt gegen Rechts. Die Rechten marschieren derweil in Bonn auf. All das geschieht unter den aktuellen Wahlplakaten aller Parteien, denn es ist Wahlkampf in NRW. Das ist nicht zu übersehen – und heute auch nicht zu überhören. Ich allerdings weiß das alles nur aus dem Auto-Radio. Inzwischen sitze ich nämlich auf einer Bank an einem Wanderweg im Sauerland, genieße die Waldesruh und frage mich nur eins: Muss Politik eigentlich so laut sein? Wo ist eigentlich die Partei der Stillen?

Politik war immer schon laut - auch damals im Chicago der ersten Maitage 1886, als der Kampftag der Arbeiterbewegung sich seinen Namen erwarb. Lautstärke hatte hier eine wichtige Aufgabe: sie diente einerseits der eigenen Ermutigung und andererseits dazu, dem Gegner Angst einzujagen. War Lärm nicht das einzige Mittel, das der kleine Bürger gegen die Herrschenden in der Hand hatte? Doch der akustischen und verbalen Gewalt folgte damals die physische auf dem Fuße: es wurde wirklich gekämpft. Steine wurden geworfen, eine Bombe explodierte, es gab Verletzte und Tote. Laut war es auf den Straßen Chicagos.

Und heute? Heute ist nur Wahl-Kampf, doch dieser scheint genau so laut zu sein, wie damals der Straßen-Kampf. Sicher dient der Lärm nach wie vor der eigenen Er- und des Gegners Entmutigung. Doch seine Hauptaufgabe scheint mir viel schlichter: Es geht darum, überhaupt gehört zu werden in einer allzu dichten Medienlandschaft. Es geht schlicht um Werbung!

Und so haben heute am ersten Mai die altmodischen Marktschreier Hochkonjunktur. Heisere Stimmen werden von hohen Lautsprechertürmen weit durch die Stadt getragen. Man hält markige Reden und bringt mit unüberhörbarer Selbstsicherheit das eigene Konzept unter das Volk. Schließlich ist Aufmerksamkeit die erste Bedingung dafür, gewählt zu werden, und Lärm ist ihr Vehikel. Doch ist dies längst nicht mehr auf akustischen Lärm beschränkt. Gibt es auch optischen Lärm, so findet er vorzugsweise zu Wahlkampfzeiten statt. Die Partei der Stillen In bis zu drei Ebenen an den Laternenmasten gestapelt schreien uns mehr oder weniger hässliche Plakate hoch-informative Partei-Slogans entgegen ("Klare Kante! Kraft", "Das Beste für unser Land", "Für dieses System ist ein Update verfügbar"). In dieser Hinsicht findet auch heute noch eine Straßen-Schlacht statt, geführt mit Plakat-Aufstellern und Kabelbindern. Zumindest im Ruhrgebiet gilt: wer seine Plakate als erster hängt, bekommt die besten Werbe-Plätze auf Augenhöhe. Ein Freund berichtete mir von Raubzügen der einen Partei gegen Plakate der anderen. Auch ich bin mir nicht sicher, ob heute vor meinem Wohnhaus noch immer so viele CDU-Plakate hängen wie vor zwei Wochen.

Also noch einmal: Werbung ist Trumpf. Welche große Partei arbeitet heute nicht mit einem angesagten Werbeunternehmen zusammen? Welches Wahlplakat wurde nicht retuschiert? Ganz klar, wird mancher denken: wer wählt schon einen Volksvertreter mit leiser, stotternder Stimme oder pickligem Gesicht? Aber warum eigentlich nicht? Scheint es nur so, oder bedeuten die für alle sichtbaren Äußerlichkeiten in der Politik mehr, als Sachlichkeit oder gar die Parteiprogramme, die kaum jemand liest? Was sind eigentlich die Wahl-Kriterien für die Wählenden?

Für mich hat die Wahl von Volksvertretern ganz wesentlich etwas mit Vertrauen zu tun. Immerhin lege ich nicht nur meine Zukunft in ihre Hände. Aber wer sind diese Leute, die zur Wahl stehen? Sind das nicht in aller Regel und in vielerlei Hinsicht laute Menschen? Wie sonst kommt man an die Spitze einer Partei und somit auf ein Wahlplakat? Fleiß und Engagement werden wohl wichtige Kriterien sein. Aber geht es auch ohne die Fähigkeit und Bereitschaft, für die Partei den Marktschreier zu geben? Geht es auch ohne Ellenbogen? Haben leise Menschen, zurückhaltende, vorsichtige, unsicher wirkende Menschen überhaupt eine Chance? Wer will leugnen, dass sich in allen Lebensbereichen vorrangig die lauten Hau-Draufs als Bestimmer durchsetzen – vom Kindergarten bis zum Regierungsamt? Und mein persönliches Problem ist nun, dass ich nicht in der Lage bin, gerade diesen lauten Draufgänger-Persönlichkeiten einen Vertrauensvorschuss zu geben.

Wie komme ich zu dieser Unfähigkeit? Ganz klar, ich sitze einer Utopie auf: In wichtigen Fragen nämlich, wie etwa den politischen, wird sich die beste, gerechteste und ausgewogenste Antwort nur finden lassen, wenn konsequent sachlich diskutiert wird. Stets gibt es viele Pros und Kontras, deren Gewichte gewissenhaft gegeneinander abgewägt werden müssen. Das glaube jedenfalls ich. Wie aber kommt es, dass sich gerade die Politiker so selbstsicher geben? So verdächtig selbstsicher? Warum scheinen ihnen die eigenen Antworten so glasklar, während ich unentwegt all die Fürs und Widers hin und her wälzen muss? Sind sie so viel schlauer als ich, so viel besser informiert? Aber warum verkünden andere Politiker dann ganz andere Antworten, mit genau derselben, unverbrüchlichen Sicherheit in ihrer Stimme?

An diesem Punkt muss die angesprochene Utopie nun gnadenlos gebrochen werden: Politiker suchen eben nicht nach der besten, gerechtesten und ausgewogensten Antwort. Das ist gar nicht ihre Aufgabe. Vielmehr sind sie in aller Regel Vertreter einer Partei, also lediglich eines Teils (engl.: part !) der Bevölkerung. Und nur deren Interessen haben sie zu vertreten. Klassischerweise und extrem verkürzt dargestellt sind dies z.B. die Arbeiter für die Linken und das Bürgertum für die Rechten. Aber auch kleine Gruppen oder gar Einzelpersonen spielen erhebliche Rollen: mächtige Lobby-Verbände ebenso wie finanzkräftige Parteispender. All diesen Gruppen sind Politiker verpflichtet, und vorrangig zu ihrem Wohl werden sie handeln! Dumm nur, dass sie dazu in einer Demokratie erst einmal gewählt werden müssen. In der öffentlichen Diskussion kann es ihnen daher gar nicht um Sachlichkeit gehen, denn ihre Argumente finden ja naturgemäß nur wenige Wähler toll – eben die, denen sie zugute kommen.

Und so werden Politiker dann zu Verkäufern, zu Marktschreiern, die ein Produkt mit kleiner Zielgruppe einer breiten Kundschaft unterjubeln müssen. Die Methoden dafür sind die in der Werbung üblichen: schlichte Phrasen, eingängige Slogans, retuschierte Plakate, allgegenwärtige Präsenz und eben auch Lautstärke. Wahlkampf, also politische Werbung, ist ein Kampf um Anerkennung – genau so laut wie die Kämpfe damals in Chicago. Dies ist ein harter Job, keiner für schüchterne Weicheier. Es ist ein Job für selbstsichere, rhetorisch gut ausgebildete, wortgewandte Spitzenpolitiker mit fester Stimme – kurz: für all die, die sich schon im Kindergarten durchsetzen konnten. Die Partei der Stillen So funktioniert Werbung! Und sie wird deshalb zu einer wirklichen Chance für die nächste Wahl, da das Fachwissen der Wählerschaft begrenzt ist und ihr Problembewusstsein selten weiter reicht als die einschlägigen Fernsehdiskussionen, die unter chronischem Zeitdruck leiden.

Doch ich sagte ja schon, dass ich der o.g. Utopie aufsitze. Tief in meinem Herzen suche ich nach wie vor die Sachlichkeit in der Politik. Dies führt dazu, dass Menschen mit besonders großer Selbstsicherheit bei mir die Alarmglocken läuten lassen. Ich fühle mich getäuscht von all den lauten Verkäufertypen auf der politischen Bühne. Ich weiß, dass es dumm ist, so zu denken. Ich weiß, dass es sachliche und gewissenhafte, aber laute Menschen gibt. Ebenso weiß ich, dass auch ein leises Vorgehen eine Täuschungs-Masche sein kann. Und ich bin mir auch bewusst, dass ich mich an dieser Stelle genau so irrational von puren Äußerlichkeiten einwickeln lasse, wie wohl die Mehrheit des Wähler-Viehs. So ein Mist!

Hier im beschaulichen Sauerland, in dem ich gerade die Ruhe genieße, scheint der Wahlkampf übrigens gänzlich anders zu verlaufen. Heute am ersten Mai z.B. wird gewandert. So bin ich vorhin etlichen Trupps des SGV ("Sauerländischer Gebirgsverein") begegnet. Sie ziehen von Hütte zu Hütte, von Bier zu Bier, fröhlich schwadronierend und bereits ein wenig angeschickert. Von Kundgebungen höre ich keinen Ton. Wilde Plakate kann ich auch nicht entdecken – als gäbe es hier keine Laternenmasten. Dazu muss man wissen: Zumindest aufm Dorf finden sich an zentralen Plätzen seit eh und je große Plakatwände, die eigens für die Parteiwerbung aufgestellt wurden. Hier hat jede ortsansässige Partei ihr eigenes, mit ihrem Namen versehenes Segment, sorgfältig sortiert von links nach rechts nach der Höhe der vergangenen Wahlergebnisse. Das ist alles. Mehr Wahlkampf kann ich einfach nicht entdecken. Politik scheint hier ganz im Stillen zu verlaufen.

Ja, ich wünsche mir sauerländer Verhältnisse – überall. Und wenn das nicht geht, wünsche ich mir stattdessen wenigstens eine Partei der Stillen – eine Partei, die bewusst das Laute meidet, die Sachlichkeit lebt, die mit einem kleinen Segment auf einer Plakatwand zufrieden ist, nur um zu informieren: "Hallo, wir sind auch da." Ich wünsche mir eine Partei, die ihr Wahlprogramm nicht verkürzt auf eingängige Slogans, die nur die Hälfte sagen. Ich wünsche mir eine Partei, die nicht auf Laufkundschaft setzt, sondern sich stattdessen durch Qualität und Stetigkeit eine zufriedene Stammkundschaft erarbeitet. Sie soll nicht auf den schnellen Profit bei der kommenden Wahl aus sein, sondern auf langfristiges Überzeugen. Ich wünsche mir, dass in dieser Partei auch die leisen, zurückhaltenden Menschen an die Spitze kommen können, belohnt alleine für ihren Fleiß und ihr Engagement. Einer solchen Partei würde ich vertrauen können. Gäbe es sie, wäre ich nicht politikverdrossen.

Wer gründet diese Partei für mich? Wer schafft mir die passenden Äußerlichkeiten, damit auch ich fröhlich und entschlossen zur Wahl gehen kann?

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