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   06.04.2012
 
Film

Ziemlich beste Freunde

eine französische Filmkomödie

oder: die Autorität der wahren Begebenheit

Witzig, frech, spannend und einigermaßen respektlos. Ziemlich beste Freunde ist eine französische Filmkomödie, die so ziemlich beste Filmkömödie, die ich seit langem gesehen habe - jedenfalls, was den Unterhaltungswert angeht.

Die Geschichte dreht sich um den vom Hals abwärts gelähmten Millionär Philippe und seinen neuen Privatpfleger Driss. Diesem will es nicht in den Sinn kommen, auch nur ansatzweise Mitleid für die Situation seines Chefs zu empfinden oder gar zu äußern. Vorlaut und eben respektlos kommentiert er die Handicaps des hilflosen Rollstuhlfahrers. Die übliche Unsicherheit, die Menschen wie z.B. mich behindert, wenn es um ein Gegenüber mit schwerem Schicksal geht, ist Driss völlig fremd. Damit hat er bei Philippe gewonnen. "Mitleid ist das Letzte, was ich will", sagt dieser sinngemäß und lässt sich anstecken mit neuer Lebensfreude. Gemeinsam überwinden die beiden Philippes Depression und - na klar - alles wird gut.

Wieso "na klar"? Nun: auch, wenn der Film aus Frankreich stammt, ist er dennoch ein "Hollywood-Film". Neben Spaß, Spannung, Action und Liebe fehlt auch nicht das Happy-End. Und doch, behaupte ich, will dieser Film mehr sein als gute Unterhaltung.

Philippe möchte kein Mitleid. Dies vermittelt mir der Hauptdarsteller und lässt vermuten, dass es vielen Menschen mit Behinderung ebenso geht. Driss' lockerer, unverkrampfter Umgang mit dem schwer getroffenen Philippe könnte ein gutes Vorbild sein für alle, die wie ich unter chronischer Unsicherheit durch mangelnde Erfahrung mit schweren Behinderungen leiden. Ob allerdings seine schnodderige, rumpelige Art und sein mitunter schwarzer Humor für jeden Betroffenen das Richtige ist, sei einmal dahingestellt. Ebenso, ob ein notorisch fröhlicher Pfleger ausreicht, nach einem Schicksalsschlag einen Weg zurück ins Leben zu finden.

Doch Ziemlich beste Freunde geht noch einen Schritt weiter - für mich einen Schritt zu weit: er vermittelt Hoffnung, wo ich keine sehen kann. Philippe findet durch Driss zu neuer Lebensfreude - geschenkt. Darüber hinaus aber findet er auch eine junge, attraktive Frau, die ihn letztlich heiratet. Ich will gar nicht behaupten, dass keine gesunde Frau je einen vom Hals an Querschnittsgelähmten heiraten würde. Immerhin beruht der Film auf einer wahren Begebenheit! Wie zum Beweis haben der echte Philippe und der echte Driss gemeinsam einen Kurzauftritt in der Schlussszene. Das beeindruckt, das vermittelt Glaubhaftigkeit. Fast könnte man vergessen, dass dies womöglich nur ein glücklicher Fall unter sehr vielen unglücklichen ist.

Ich kenne keine Statistiken darüber, aber nach meinem Eindruck wird sich auch heutzutage noch vorzugsweise standesgemäß verliebt - in jeder Hinsicht. Seien wir realistisch: die Jacks und Roses, die Tarzans und Janes, die Aragorns und Arwens bleiben die großen Ausnahmen. Die wenigsten Menschen sind bereit, allzuviel aufzugeben für die große Liebe: nicht den gesellschaftlichen Status, nicht das Leben in der Zivilisation oder gar die Unsterblichkeit. Ja, und auch nicht ein sorgenfreies Leben im Tausch gegen eine Ehe mit einem dauer-pflegebedürftigen Partner. Das behaupte ich, auch wenn ich es nicht beweisen kann.

Als querschnittsgelähmter Betroffener würde ich mich von Ziemlich beste Freunde verarscht fühlen. Warum ich mich so anstelle? Wäre der Film einfach nur eine Komödie, ließe er mich kalt - ich würde sogar versuchen mitzulachen. Als anrührendes Märchen, als Hollywood-Spielfilm eben, ist er erste Sahne. Als Mutmachfilm aber versagt er, da er nicht ehrlich bleibt. Zu vieles fällt einfach unter den Tisch: allem voran die Tatsache, dass Philippe äußerst wohlhabend ist. Sportwagen Fahren oder Paragliding ist einfach für die meisten Menschen in Philippes Lage ein eher unerreichbarer Freizeitspaß. Und welchen Anteil sein Bankkonto am Ja-Wort seiner Frau hatte, wird auch nicht thematisiert.

Ich habe einfach kein gutes Gefühl bei diesem Film. Mein Eindruck ist, dass er Leid verdrängen will, wo es sich nicht verdrängen lässt, dass er Hoffnung auf glückliches Geschick schüren will, wo diese äußerst gering ist und damit in den meisten Fällen enttäuscht werden wird. Und das mit Hilfe einer scheinbaren Autorität, die er sich durch die überdeutliche Betonung des wahren Hintergrundes erwirbt. Das ist in meinen Augen unlauter und unfair.

Nachtrag 25.03.2013: Inzwischen habe ich einen Film gesehen, der zeigt, wie man es besser, wie man es ehrlicher machen kann: Der Geschmack von Rost und Knochen, über den ich hier einen Artikel geschrieben habe.


Originaltitel: Intouchables
Drehbuch und Regie: Olivier Nakache
Éric Toledano
Erscheinungsjahr: 2011
Länge: 110 Minuten
Altersfreigabe: FSK 6
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